Neu ab Oktober 2018: Frachtkontrollen mit dem REST-Verfahren

Ab Oktober 2018 soll in Deutschland eine neue Methode zur Kontrolle von Luftfracht ein­ge­führt wer­den. First-Class-Zollservice Geschäftsführer Holger Hille fragt in die­sem Artikel:

Wie sicher ist das REST-Verfahren?

Flugreisende Urlauber in Gefahr?

Stellen Sie sich vor Sie und Ihre Familie flie­gen in den Urlaub. Mit freu­di­ger Erwartung ste­hen sie am Terminal und war­ten dar­auf, end­lich in das Flugzeug ein­stei­gen zu dür­fen. Die freund­li­che Flugbegleiterin macht eine Durchsage zum pünkt­li­chen Abflug und öff­net das Gate für die Passagiere.

Sie und Ihre Familie zücken die Bordkarten und mar­schie­ren durch die Schleuse in den Flieger. Im Flugzeug ange­kom­men suchen Sie die Plätze auf und machen es sich bequem.

Durchs Fenster kön­nen Sie den Flugzeugbeladern dabei zuse­hen wie sie die letz­ten Koffer und Frachtstücke in den Laderaum beför­dern. In Vorfreude auf Sonne, Strand und Meer ver­schwen­den Sie dabei bestimmt kei­nen ein­zi­gen Gedanken an die Sicherheit des Flugzeuges. Alles wird schon gut gehen, für die Sicherheit ist schließ­lich gesorgt.

Doch wie sicher ist die­ses Flugzeug denn nun wirk­lich? Und stimmt es, dass die Fracht- und Gepäckstücke vor dem Verladen aus­rei­chend kon­trol­liert wer­den?

Jedes Packstück, das mit einem Flugzeug trans­por­tiert wird, muss Aufgrund des Vorfalles vom 11. September 2001 zur Sicherheit einer ent­spre­chen­den Kontrolle unter­zo­gen wer­den.

Wie funk­tio­nie­ren bis­her die Kontrollen zum Schutz der Luftfahrt vor Sprengstoffanschlägen?

Die Kontrolle besteht bis­her dar­in das Frachtstück mit­tels einer Röntgenanlage zu durch­leuch­ten, um den Inhalt fest­stel­len zu kön­nen. Sollte auf­grund der hohen Dichte des Frachtstücks, eine Kontrolle durch eine Frachtröntgenanlage nicht mög­lich sein, so müs­sen ande­re Kontrollmethoden benutzt wer­den.

Dabei muss das Packstück geöff­net wer­den und mit­tels eines Sprengstoffspurendetektors, einer visu­el­len und phy­si­schen Durchsuchung per Hand oder mit einem Sprengstoffspürhund kon­trol­liert wer­den.

Nur so kann sicher­ge­stellt wer­den, dass sich kei­ne gefähr­li­chen Gegenstände in den Gütern befin­den.

Die neue Lücke für Terroristen – das REST-Verfahren

Ab Oktober 2018 soll in der Bundesrepublik Deutschland ein neu­es Kontrollverfahren ein­ge­führt wer­den – das soge­nann­te REST-Verfahren. REST ist die Abkürzung für Remo­te Explo­si­ves Scent Tracing.  Ins Deutsche über­setzt heißt das unge­fähr: Sprengstoff-Duft-Erkennung aus der Ferne.

Hier geht es dar­um mit Hilfe einer spe­zi­el­len Vorrichtung Luftproben aus dem voll­be­la­de­nen LKW zu ent­neh­men und die­se Luftproben einem Sprengstoffspürhund zur Geruchskontrolle vor­zu­le­gen.

Dabei wird das Frachtstück weder vom LKW ent­la­den, noch geöff­net, noch mit­tels Röntgenanlage durch­leuch­tet. Das REST-Verfahren ver­spricht eine schnel­le Abfertigung von Gütern und soll zudem den Inhalt der Fracht vor Beschädigungen schüt­zen.

Die Vorannahme dabei ist wohl, dass inner­halb der Packung befind­li­cher Sprengstoff immer Duftspuren in die Luft inner­halb des LKSs abgibt.

Was aber, wenn die Ware luft­dicht ver­packt ist?

Luftfracht/Luftpost wird gemäß gesetz­li­cher Vorgaben bei der Produktion, Verpackung, Lagerung, Versand und/oder dem Transport vor unbe­fug­tem Eingriff oder Manipulation von außen geschützt.

Das heißt unter ande­rem, dass die Verpackung kei­ne Löcher oder Schlitze auf­wei­sen darf – denn durch eine sol­che Öffnung wäre es mög­lich, einen ver­bo­te­nen Gegenstand (wie z.B. Sprengstoff) ein­zu­brin­gen.

Die meis­ten Versender ver­pa­cken ihre Güter des­halb so gut, dass weder Wasser ein­drin­gen, noch Luft ent­wei­chen kann.

Aus die­sem Grund wer­den bis­her luft­dich­te Verpackungen bei der Kontrolle geöff­net. Wie sonst soll der Hund Sprengstoffgeruch aus dem Innern der Verpackung erken­nen kön­nen?

Sprengstoffspürhund untersucht Pakete, deren Verpackungsfolie geöffnet wurde.

Das REST-Verfahren igno­riert sämt­li­che bis­her gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Kontrollmethoden von Luftfrachtgütern.

Der Ursprung der REST Methode liegt in einem ganz ande­ren Bereich (Erkennung von ver­gra­be­nen Bodenminen), und was dort funk­tio­niert, kann nicht ein­fach auf luft­dicht ver­pack­te Luftfracht über­tra­gen wer­den.

Das REST-Verfahren basiert auf einer Studie des „Geneva International Centre for Humanitarian Demining, kurz GICHD.

Diese Studie han­delt von beson­de­ren Testverfahren zur Detektion von Landminen mit Hilfe von spe­zi­ell aus­ge­bil­de­ten Ratten.

  1. Zu die­sem Zweck wird mit­tels einer spe­zi­el­len Vorrichtung Luft aus dem kon­ta­mi­nier­ten Erdboden abge­saugt und mit Hilfe eines Filters ein­ge­fan­gen.
  2. Diese Luftproben wer­den anschlie­ßend den Sprengstoffratten vor­ge­legt.
  3. Bei einer Kontamination ver­hal­ten sich die Sprengstoffratten ent­spre­chend und der Sprengstoff wird ange­zeigt.

Doch nun stel­len wir uns die Frage, inwie­fern die­ses Verfahren der Landminenerkennung im Erdboden auf die Luftfracht über­tra­gen wer­den kann.

Ist die Partikeldurchlässigkeit von Erdboden gleich­zu­set­zen mit der Partikeldurchlässigkeit von vaku­um­ver­pack­ten Frachtgütern?

Sehen wir uns die Problematik noch ein­mal etwas genau­er an:

Frachtgüter sind, wie oben schon gesagt, oft dicht ver­schlos­sen, sodass kein Luftaustausch zwi­schen Frachtgut im inne­ren und der äuße­ren Umgebung statt­fin­den kann. Somit kann auch kei­ne Luft von außen nach innen ein­drin­gen und umge­kehrt.

Das REST-ver­fah­ren wirbt damit, Sprengstoffspuren aus der Luft im inne­ren des Frachtstücks mit­tels Filter und Sprengstoffspürhunden schnell und effi­zi­ent zu erken­nen. Soweit die Theorie. In der Praxis sind Frachtstücke jedoch aus Schutz vor Beschädigungen so gut wie nie nur ein­mal ver­packt.

Der Einsatz von Mehrfachkartonagen und einer mehr­fa­che Umwickelung mit Frachtfolie rie­geln den Luftaustausch qua­si völ­lig ab. Das heißt, soll­te das Frachtgut bspw. im inne­ren der Kiste in wei­te­re Kisten oder Boxen ver­packt sein, kann der Sprengstoffspürhund die poten­zi­el­le Sprengstoffgefahr gar nicht oder nur unter sehr erschwer­ten Bedingungen erschnüf­feln.

Völlig egal wie gut das fei­ne Näschen des Hundes arbei­tet – die Erkennungsrate geht prak­tisch gegen 0.

Zudem besit­zen alle Sprengstoffe eine bedingt akti­ve Ausdünstungszeit.

Das bedeu­tet, wenn jemand eine Bombe anfer­tigt, die­se z.B. in eine Spülmaschine ver­steckt und noch ein­mal den Griff berührt, kann schon nach drei Tagen kein Sprengstoffspürhund die Partikelspuren am Griff erken­nen. Der Geruch ist sozu­sa­gen „ver­duns­tet“. Der Sprengstoff bleibt uner­kannt – auch ohne luft­dich­te Verpackung.

Cartoon mit Hund im Büro

Die Sicherheit des REST Verfahrens ist inter­na­tio­nal umstrit­ten

Wir dür­fen nicht außer Acht las­sen, dass rund 70% der Luftfracht in Passagierluftfahrzeuge ver­bracht wird. Das heißt, wenn 20% davon mit­tels REST-Verfahren kon­trol­liert wur­de, so ist davon aus­zu­ge­hen, dass in 14 von 100 Luftfahrzeugen, Fracht vor­zu­fin­den ist, wel­che mit­tels REST als ,,sicher‘‘ dekla­riert wur­de.

In Deutschland wird das REST Verfahren trotz der Sicherheitsbedenken ein­ge­führt – wäh­rend ande­re Länder es aus gera­de die­sem Grund wie­der ver­bo­ten haben.

England hat bei­spiels­wei­se das REST Verfahren eini­ge Jahre ange­wen­det – bis sich das Blatt wen­de­te und im Jahre 2010 eine Paketbombe aus dem Jemen bei einer REST-Kontrolle uner­kannt blieb. Dieser gra­vie­ren­de Sicherheitsvorfall führ­te 2014 zu einem end­gül­ti­gen Verbot  des REST-Verfahrens in England.

Eine wei­te­re Risikoquelle

Eine wei­te­re Gefahrenquelle ist die Ausbildung der Sprengstoffsuchtiere. In den Niederlanden zum Beispiel set­zen die Behörden Sprengstoffspürhunde ein, die aus­schließ­lich mit extra her­ge­stell­ten Research Sprengstoffen aus­ge­bil­det wer­den. Den Hunden ist es näm­lich absur­der­wei­se nicht gestat­tet mit ech­ten Sprengstoffen zu arbei­ten.

Wenn jedoch Sprengstoffspürhunde nicht mit ech­ten Sprengstoffen arbei­ten dür­fen, was genau sol­len sie dann erschnüf­feln?

Wir glau­ben kaum, dass Terroristen Rücksicht auf die Hunde neh­men und aus­schließ­lich spe­zi­el­le Sprengstoffe ver­wen­den, wel­che die Sprengstoffspürhunde leicht erken­nen kön­nen.

Wir, die First Class Zollservice GmbH, füh­ren fünf Sprengstoffspürhunde und haben eini­ge Selbstversuche durch­ge­führt.

  1. Einer die­ser Versuche beinhal­te­te, dass wir eine gerin­ge Menge Sprengstoff (unter 1,5g) in einer Plastikdose plat­zier­ten und die­se Dose ver­steck­ten. Die Hunde konn­ten die­se Dose mit Leichtigkeit anzei­gen.
  2. Im zwei­ten Versuch leg­ten wir die glei­che Menge an Sprengstoff in eine Spülmaschine und lie­ßen die Tür einen Spalt offen. Auch hier konn­ten unse­re Sprengstoffspürhunde die Gefahrenquelle erken­nen.
  3. Im drit­ten Versuch leg­ten wir wie­der die glei­che Menge an Sprengstoff in die glei­che Spülmaschine – und schlos­sen die Tür. Damit haben wir die luft­dich­te Verpackung einer Luftfrachtsendung simu­liert. Keiner unse­rer Hunde hat irgend­ein Anzeichen gege­ben, dass sich dort Sprengstoff ver­ste­cken könn­te.

Nur eine Anwendung der ande­ren Kontrollmethoden (X-Ray, Hand Search etc.) hät­te die­sen Sprengstoff fin­den kön­nen.

Es geht übri­gens nicht nur um Sprengstoff

Nicht nur Sprengstoffe stel­len ein poten­zi­el­les Risiko für die Fracht dar. Auch nor­ma­les Gefahrgut wie z.B. brenn­ba­re Öle und Spraydosen kön­nen auf die­sem Weg nicht oder nur sehr schwer erkannt wer­den.

Nicht umsonst sind sol­che Güter ja in der Luftfracht gesetz­lich ver­bo­ten, bzw. müs­sen dekla­riert wer­den.

Dadurch, dass die Fracht weder geöff­net noch durch eine Röntgenanlage über­prüft wird, ist es so gut wie aus­ge­schlos­sen, unde­kla­rier­tes Gefahrgut auf­zu­fin­den.

Jede Luftfrachtsicherheitskontrollkraft kann bestä­ti­gen, dass es täg­lich min­des­tens einen Fall von unde­kla­rier­tem Gefahrgut gibt.

Ist es in Zukunft also irrele­vant, wenn unde­kla­rier­tes Gefahrgut z.B. eine Spraydose oder brenn­ba­re Flüssigkeiten in ein Luftfahrzeug ver­bracht wer­den?

Unentdecktes, nicht dekla­rier­tes Gefahrgut stellt für die Luftsicherheit genau­so ein Risiko dar wie ein unent­deck­ter Sprengsatz.

Unser Fazit zum REST-Verfahren

Wir, die First Class Zollservice GmbH, sind ein erfah­re­nes Transport- und Logistikunternehmen, wel­ches sich seit über 25 Jahren mit Luftfracht und Luftfrachtkontrollen aus­ein­an­der­setzt. Zudem haben wir einen 35 jäh­ri­gen  Erfahrungsschatz im per­sön­li­chen Umgang mit Hunden.

Das REST-Verfahren igno­riert sämt­li­che bis­her gesetz­lich vor­ge­schrie­be­nen Kontrollmethoden von Luftfrachtgütern. Der gan­ze Kontrollaufwand, der bis­her nötig schien, soll plötz­lich unnö­tig sein, weil man mit einer zum Sprengstoffhund trans­por­tier­ten Luftprobe alle Risiken erken­nen kön­nen will.

Wir sind über­zeugt, dass das REST-Verfahren in der Praxis nicht umge­setzt wer­den kann ohne für Terroristen eine neue Sicherheitslücke in der zivi­len Luftfahrt zu öff­nen.

Die Sicherheitsmängel sind ein nicht ver­tret­ba­res Risiko für Leib und Leben von Flugpassagieren (und Personal) und gefähr­den zudem die natio­na­le und inter­na­tio­na­le Sicherheit.

Auch wenn das REST-Verfahren für Unternehmen wirt­schaft­li­che Vorteile bringt, so darf die all­ge­mei­ne Sicherheit nie­mals in den Hintergrund rücken. Die Zulassung des REST-Verfahrens in Deutschland soll­te über­dacht und revi­diert wer­den.